PACTOR: Daten über Kurzwelle, ohne fremde Infrastruktur.
Das Verfahren hinter dem Krisenkanal: robuste Datenübertragung über große Entfernungen, wenn Internet, Mobilfunk und Satellit nicht zur Verfügung stehen.
Was PACTOR ist
PACTOR ist ein digitales Übertragungsverfahren für den Kurzwellenfunk. Es überträgt Text, strukturierte Meldungen, Positions- und Telemetriedaten sowie kleinere Dateien über Entfernungen von mehreren hundert bis mehreren tausend Kilometern — ohne Internet, ohne Mobilfunknetz, ohne Satellitendienst und ohne laufende Verbindungsgebühren. Zwischen Sender und Empfänger liegt kein Netzknoten, der ausfallen, überlastet oder abgeschaltet werden kann.
Technisch verbindet PACTOR drei Bausteine zu einem ARQ-Protokoll: adaptive Kanalentzerrung, Kanalcodierung und Datenkompression. ARQ steht für Automatic Repeat reQuest — fehlerhaft empfangene Blöcke werden automatisch erneut angefordert, bis sie korrekt vorliegen. Dadurch bleibt die Verbindung auch dann nutzbar, wenn das Signal schwach ist oder zeitweise gestört wird; sie wird dann langsamer, nicht falsch.
Das Verfahren passt sich den Funkbedingungen selbsttätig an: PACTOR-4 kennt zehn Geschwindigkeitsstufen und wechselt im laufenden Betrieb zwischen ihnen. Die Herstellerangabe zur Störfestigkeit liegt bei bis zu −20 dB — das Nutzsignal darf also deutlich unter dem Störpegel liegen.
Entwickelt wurde PACTOR ab 1990 von SCS (Special Communications Systems) in Hanau. Entwicklung, Fertigung, Vertrieb und Service liegen heute in Deutschland; die Hardware wird von der WiMo Antennen und Elektronik GmbH gefertigt und betreut.
PACTOR-1 bis PACTOR-4
Die vier Generationen sind aufeinander aufgebaut und abwärtskompatibel: Ein aktuelles Modem verständigt sich auch mit älteren Gegenstellen und handelt beim Verbindungsaufbau die höchste gemeinsame Stufe aus. Das ist für Rückfallebenen relevant — bestehende Gegenstellen bleiben erreichbar, ohne dass alle Standorte gleichzeitig umgerüstet werden müssen.
| Generation | Einordnung |
|---|---|
| PACTOR-1 | Erste Generation, ab 1990. Heute vor allem als gemeinsamer Nenner zu älteren Stationen relevant. |
| PACTOR-2 | Höhere Robustheit und Geschwindigkeit bei gleicher Bandbreite. |
| PACTOR-3 | Lange Zeit der Standard im professionellen und maritimen Einsatz. |
| PACTOR-4 | Aktuelle Generation: bis zu 10.500 bit/s netto, rund doppelt so schnell wie PACTOR-3, bei nur 2.400 Hz Bandbreite. Zehn adaptive Geschwindigkeitsstufen. |
Angaben zu PACTOR-4 nach Herstellerangabe. Für PACTOR-1 bis -3 nennt der Hersteller öffentlich keine vergleichbaren Datenraten; wir verzichten deshalb auf Zahlen, die sich nicht belegen lassen.
Was für den Betrieb nötig ist
Eine PACTOR-Station besteht aus vier Teilen und einer eingewiesenen Person. Nichts davon hängt an einem Netz.
Kurzwellen-Transceiver
Ein HF-Transceiver für den Bereich 2–30 MHz. Sprechfunk bleibt über dasselbe Gerät möglich — auch dann, wenn die Datenstrecke nicht gebraucht wird.
PACTOR-Modem
Setzt das Verfahren in dedizierter Hardware um und entlastet den Rechner. Aktuelles Gerät: das PXdragon DR-9400.
Drahtantenne, autarke Versorgung
Für den Übertragungsweg genügt eine einfache Drahtantenne. Die Stromversorgung kommt aus Batterie, Generator oder Photovoltaik — das Modem selbst zieht rund 3 W.
Mailsoftware am Rechner
Die Bedienung erfolgt in einer E-Mail-ähnlichen Oberfläche. Unterstützt werden unter anderem Winlink Express, Airmail, AlphaMail und SafecomLink.
Das Modem: PXdragon DR-9400
Das DR-9400 ist das aktuelle PACTOR-Modem und löst die P4dragon-Reihe ab. Es beherrscht PACTOR-1 bis -4 und zusätzlich klassische Betriebsarten des Funkbetriebs. Entwicklung und Fertigung erfolgen in Deutschland.
| Betriebsarten | PACTOR-1 bis -4, Packet Radio (1k2 AFSK, 9k6 G3RUH), Robust Packet Radio, Wetterfax und RTTY im Empfang, APRS-Beaconing |
| Schnittstellen | USB-C, LAN, RS-232, GPS-Eingang mit NMEA-Decoder (galvanisch getrennt); WLAN und Bluetooth optional über Dongle |
| Rechenkern | Quad-Core-ARM unter Linux, TCXO mit 1 ppm |
| Stromaufnahme | 270 mA im Normalbetrieb, maximal 1 A, bei 12–30 V Versorgungsspannung |
| Abmessungen | 168 × 45 × 100 mm, Aluminiumgehäuse |
| Optionen | AES-256-Verschlüsselung, 2G ALE nach MIL-STD-188-141 |
Technische Daten nach Herstellerangabe. Konfiguration, Kabelsatz und Anbindung an den vorhandenen Transceiver klären wir im Einzelfall — die Bezugsquelle ist die Produktseite bei WiMo, das Herstellerportal ist scs-pactor.com.
Wo die Grenzen liegen
PACTOR ist für eine Rückfallebene ausgelegt, nicht für den Alltagsbetrieb. Das hat Konsequenzen, die vor einer Beschaffung bekannt sein sollten.
Bandbreite. Bis zu 10.500 bit/s reichen für E-Mails, strukturierte Lagemeldungen, Positions- und Telemetriedaten und kleine Anhänge. Sie reichen nicht für Bilddaten in Menge, Video oder Sprachübertragung über die Datenstrecke.
Ausbreitungsbedingungen. Kurzwelle nutzt die Ionosphäre als Reflektor. Reichweite und Stabilität schwanken mit Tageszeit, Jahreszeit und Sonnenaktivität; die Frequenzwahl gehört zum Betrieb und will geübt sein.
Antenne. Eine einfache Drahtantenne genügt — sie braucht aber Platz und muss aufgebaut werden können. Das ist eine Standortfrage, die früh geklärt gehört.
Personal. Die Bedienung ähnelt einem E-Mail-Programm, der Aufbau nicht. Ohne eingewiesene Personen und ohne regelmäßige Übung bleibt jede Rückfallebene Papier.
Regulatorik. Welche Frequenzen genutzt werden dürfen, hängt vom Anwender ab — von zugeteilten Festfrequenzen über Behördennetze bis zum Amateurfunkdienst. Das gehört vor der Beschaffung geklärt, nicht danach.
Warum ein dokumentiertes Verfahren mit eigener Hardware
Für Datenfunk über Kurzwelle gibt es neben PACTOR auch Software-Verfahren, die auf dem Rechner laufen und keine zusätzliche Hardware brauchen. Sie sind günstiger in der Anschaffung, und für viele Anwendungen ist das die richtige Wahl.
Für eine Rückfallebene in kritischer Infrastruktur verschieben sich die Kriterien. Dort zählt weniger der Spitzendurchsatz unter guten Bedingungen als die Frage, was in fünf Jahren noch prüfbar, ersetzbar und unterstützt ist:
Dokumentation und Prüfbarkeit. PACTOR ist seit über 30 Jahren im Einsatz und öffentlich dokumentiert. Verfahren, deren Implementierung nicht offenliegt, lassen sich in einem Audit schlechter belegen.
Trennung vom Rechner. Das Protokoll läuft im Modem, nicht im Betriebssystem des Laptops. Die Datenstrecke bleibt damit unabhängig von der IT, die im Cyberfall selbst das Problem sein kann.
Lieferkette und Support. Entwicklung, Fertigung und Service liegen in Deutschland und bei benennbaren Unternehmen. Für Beschaffungsvorgänge mit mehrjährigem Horizont ist das ein eigenes Kriterium.
Welche Kriterien in Ihrem Fall ausschlaggebend sind, ist Teil der Analyse — nicht jede Organisation braucht dieselbe Antwort.
PACTOR im PACE-Konzept
PACTOR ist kein eigenes Kommunikationskonzept, sondern ein Baustein. Im PACE-Konzept besetzt es die Rolle des Krisenkanals (E · Emergency) — die Ebene, die keine fremde Infrastruktur am Übertragungsweg braucht. Als autarke Punkt-zu-Punkt-Datenstrecke zwischen eigenen Standorten kann es auch die Rolle des Notfallkanals mit übernehmen.
Wie sich diese Rolle in ein bestehendes Kommunikationskonzept einfügt, welche Gegenstellen nötig sind und wie der Betrieb organisiert wird, beschreibt die Lösungsseite HF-Datenfunk. Die Szenario-Matrix zeigt, in welchen Ausfallszenarien die Ebene trägt.
Häufige Fragen zu PACTOR
Das Verfahren selbst verschlüsselt nicht — es sichert die Übertragung gegen Fehler, nicht gegen Mitlesen. Das DR-9400 bietet optional AES-256. Ob Verschlüsselung eingesetzt werden darf, hängt vom Funkdienst ab: im Amateurfunk ist sie unzulässig, im behördlichen und kommerziellen Betrieb auf zugeteilten Frequenzen in der Regel nicht.
Ja. Die Generationen sind abwärtskompatibel; beim Verbindungsaufbau handeln beide Seiten die höchste gemeinsame Stufe aus. Bestehende Gegenstellen bleiben erreichbar, eine Umrüstung kann schrittweise erfolgen.
Gängig sind Winlink Express, Airmail, AlphaMail und SafecomLink. Die Anwender arbeiten in einer E-Mail-ähnlichen Oberfläche: Nachricht schreiben, senden, beim nächsten Verbindungsaufbau wird übertragen.
Das Modem nimmt im Normalbetrieb rund 270 mA auf, also etwa 3 W. Der wesentliche Verbrauch entsteht beim Senden im Transceiver und beim Laptop. Ortsfeste Stationen erreichen mit ausreichender Batteriekapazität Laufzeiten von einer Woche und mehr; mobile Konfigurationen lassen sich mit Photovoltaik verlängern.
Das Verfahren wurde bis PACTOR-4 weiterentwickelt und ist im Einsatz gereift. Für eine Rückfallebene ist das ein Vorteil: Was zählt, ist die Zuverlässigkeit unter schlechten Bedingungen und über Jahre hinweg — nicht das Erscheinungsjahr.
Passt PACTOR zu Ihrer Lage?
Wir ordnen ein, ob und wo eine infrastrukturunabhängige Datenstrecke in Ihrem Kommunikationskonzept sinnvoll ist — und wo nicht. 30 Minuten reichen für eine erste Einschätzung.